Die Welt: Wie „Pendelkinder“ am 50-50-Modell leiden

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„Wenn Kinder zwischen Vater und Mutter pendeln: Geschiedene Eltern wollen oft eine Fünfzig-Fünfzig-Aufteilung der Zeit mit dem Nachwuchs. Doch Pädagogen und Juristen raten vom „Wechselmodell“ ab.

Eine Zeit lang war alles ganz gut gegangen, den Umständen entsprechend. Nach der Trennung war für Claudia und Michael klar, dass sie weiterhin beide für ihre dreijährige Tochter sorgen wollten. Michael war schon vor der Trennung kein Feierabendvater gewesen, sondern hatte von Anfang an gewickelt, war nachts aufgestanden, wenn die Kleine schrie, ging mit ihr Eis essen oder auf den Spielplatz.

„Ich dachte, das Kind braucht doch seinen Vater“, sagt Claudia rückblickend. Und wenn Hannah beim Vater war, vermisste sie zwar ihr Kind, konnte aber auch aufatmen. Die Trennung verdauen, ohne Zeitdruck ihrer Arbeit als Physiotherapeutin nachgehen, abends mal mit einer Freundin ausgehen.

„Ich war zwar kein Ehemann mehr, blieb aber natürlich Vater“, sagt Michael. Sein Chef war großzügig und ließ ihn einen Großteil der Arbeit als Lektor zu Hause erledigen, wenn Hannah bei ihm war. Die Kleine schien alles gut zu verkraften. Sie flog ihm in die Arme, wenn er sie von der Kita abholte. Und zeigte andererseits keine Trauer, wenn Michael ihr sagte, dass sie morgen wieder zu Mama gehen sollte. „Sie sprach nie groß vom Papa, wenn sie bei mir war, und wohl auch nicht umgekehrt“, sagt Claudia.

Hannah schien ein fröhliches Kind zu sein, das gern zum Kinderturnen ging und seine Freundinnen zum Spielen einlud. So pendelte sich über Jahre ein Rhythmus ein: eine Woche Mama, eine Woche Papa. Hannah kam in die Schule – und auf einmal wurde sie zunehmend quirliger, hatte Probleme, abends einzuschlafen. Sie ist halt ein temperamentvolles Kind, dachten die Eltern. Man muss nicht gleich alles auf die Trennung beziehen.

Und ein wenig rückte Hannah aus dem Fokus, denn beide Eltern verliebten sich jeweils neu und bekamen etwa zur gleichen Zeit mit dem neuen Partner ein Baby. Hannah freute sich und spielte mit ihren Geschwistern Mutter/Kind. Aber sie sah auch, dass die Kleinen anders aufwuchsen als sie. Die beiden hatten ein dauerhaftes Zuhause und mussten nicht immer wieder aufbrechen.

Mit acht Jahren fing Hannah an, das Essen zu verweigern. „Ich hab so viel in der Schule gegessen“, log sie häufiger. Hannah, schon immer ein zierliches Mädchen, nahm zwei Kilo ab, eine bedenkliche Menge für eine Achtjährige. Der Kinderarzt überwies sie zum Psychologen. Seit ein paar Monaten ist sie dort in Behandlung. Sie isst jetzt wieder etwas besser.

Aber klar ist, dass Hannah Hemmungen hatte, ihren Eltern zu sagen, dass sie unglücklich ist mit der Pendelei. Dass sie das Nachbarsmädchen, ihre beste Freundin, nicht erst in einer Woche wiedersehen will, wo sie doch gerade eine Zirkusaufführung proben. Dass sie es ätzend findet, abends bei Papa festzustellen, dass ihr Lieblingskleid bei Mama ist. Dass sie sich nicht traut, das zu sagen, da sie doch beide lieb hat und behalten will.

Wechselmodell wird vermehrt angestrebt

Rund 170.000 Ehen wurden 2013 in Deutschland geschieden, mehr als 135.000 Kinder waren davon betroffen – und wohl noch ein paar Zehntausend mehr, die nicht in der Statistik auftauchen, weil ihre Eltern nicht verheiratet waren. Schätzungen zufolge praktizieren etwa fünf Prozent aller Elternpaare derzeit nach der Trennung das „Wechselmodell“. Die meisten Ex-Paare handeln den Umgang mit ihren Kindern unter sich aus.

Bei lediglich 2465 der Scheidungen 2013 wurde das Sorgerecht vor Gericht verhandelt, in 202 Fällen das Umgangsrecht. Dennoch ist klar: „Das Wechselmodell, bei dem das Kind möglichst gleich viel Zeit bei den jeweils getrennt lebenden Eltern verbringt, wird von den Eltern vermehrt angestrebt“, sagt der Psychologe Joseph Salzgeber.

Salzgeber arbeitet seit 30 Jahren als Gutachter bei verschiedenen deutschen Familiengerichten, er wird hinzugezogen, wenn sich ein getrenntes Paar nicht einigen kann, bei wem das Kind wie viel Zeit verbringen darf. „Es gibt heute wesentlich mehr Streit im Umgangsrecht“, sagt er. „Kinder sind heute das einzig stabile Liebesobjekt in einer Zeit, in der alles auseinanderbricht. Die Ehe geht kaputt, den Job verliere ich, die Wohnung, nichts ist mehr sicher. Nur das Kind, das bleibt.“ Darum kämpfen die Eltern erbitterter denn je.

In den 90ern kamen die ersten Eltern, die sagten, wir wollen das Sorgerecht auch nach der Trennung teilen

Heinrich Schürmann
Familienrichter

Bis in die 90er-Jahre war es Standard in Deutschland, dass das gemeinsame Sorgerecht mit der Scheidung endete. Das Bürgerliche Gesetzbuch wies das Familiengericht an, einem Elternteil die elterliche Sorge zuzusprechen – meistens der Mutter, der Vater bekam Besuchsrecht. Infolge der 68er-Generation änderte sich das deutsche Familienbild und vor allem die Rolle der Väter langsam. Der Begriff „Besuchsrecht“ wurde angezweifelt, das hörte sich nach einer Beziehung minderer Qualität an.

„Vor den Gerichten erhielt eine elternbezogene Denkweise Einzug“, sagt Familienrichter Heinrich Schürmann. „In den 90ern kamen die ersten Eltern, die sagten, wir wollen das Sorgerecht auch nach der Trennung teilen.“ 1998 wurde das Kindschaftsrecht modernisiert und das Gesetz mit der veränderten Lebenswirklichkeit in Einklang gebracht: Das gemeinsame Sorgerecht wurde zum Normalfall erklärt. Vätern sollte ebenso wie Müttern das Sorgerecht für die Kinder zustehen.

Und auch unverheiratete Paare sollten das Sorgerecht teilen können. Seither regelt Paragraf 1671: Nur auf Antrag bekommt ein Elternteil das Sorgerecht allein; dafür müssen gewichtige Gründe vorliegen. Und nur in schwerwiegenden Fällen wird einem Elternteil ein Teil des Sorgerechts entzogen, indem dem anderen das „Aufenthaltsbestimmungsrecht“ des Kindes zugesprochen wird. Laut Statistischem Bundesamt behielten 2013 aber 94 Prozent der geschiedenen Eltern das gemeinsame Sorgerecht.

Richter raten von Fünfzig-fünfzig-Aufteilung ab

Ob ein Wechselmodell gerichtlich angeordnet werden kann, ist rechtlich umstritten. Die Anordnung des paritätischen Aufenthalts des Kindes bei getrennt lebenden Eltern überschreite die Umgangsregelungsbefugnis, die dem Familiengericht eingeräumt sei, so das Oberlandesgericht Brandenburg im Juni 2012. Das Oberlandesgericht Köln meint, das Bedürfnis des Kindes nach einem auch räumlich sicheren Lebensmittelpunkt setze dem Umgangsrecht Grenzen.

Nur die finanziellen Folgen sind klar. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes im November 2014 müssen Mutter und Vater gleichermaßen für den Barunterhalt ihrer Kinder aufkommen, wenn sie sich die Betreuung genau hälftig teilen. Schon bei einer Sechzig-vierzig-Aufteilung ist wieder allein einer der Elternteile – in der Regel der Vater – zahlungspflichtig.

Zu empfehlen ist das Fünfzig-fünzig-Modell aus Sicht von Familienrichtern jedoch kaum. Die Kinderrechtekommission des Deutschen Familiengerichtstages kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass „ein paritätisches Wechselmodell bei Kleinkindern im Hinblick auf ihre Bindungs- und Betreuungsbedürfnisse praktisch kaum kindgerecht durchführbar ist“.

Kinderpsychiater raten ab, die sagen, das ist der pure Wahnsinn

Joseph Salzberger
Psychologe, über das „Wechselmodell“

Kann es funktionieren, dass ein Kind glücklich aufwächst, obwohl es pendeln muss zwischen zwei Bettchen, sich abwechselnd auf zwei Erziehungsstile, zwei verschiedene Familien einstellen muss? „Es kommt immer drauf an, wen Sie fragen“, sagt Psychologe Salzgeber. „Kinderpsychiater raten ab, die sagen, das ist der pure Wahnsinn. Sachverständiger bei Gericht sagen, das sind vielleicht fünf Prozent der Familien, für die das überhaupt infrage käme. Beratungsstellen beim Jugendamt sagen, ja, das kann gut funktionieren, weil sie die vorgeblich fairste Lösung suchen.“

Doch auch aus psychologischer Sicht gibt es große Bedenken. „Das kann sich nicht mal ein gescheiter Erwachsener vorstellen“, sagt Salzgeber. Wer einmal eine Distanzbeziehung geführt habe, wisse, wie anstrengend es sei zu pendeln. Seiner Erfahrung nach lehnen die Kinder es ab, ständig zwischen Mutter und Vater hin- und herzuziehen, sobald sie zehn, elf Jahre werden, spätestens in der Pubertät. Die fairste Lösung, findet Salzgeber, sei eigentlich das Nestmodell. Da müssten die Eltern den Stress aushalten, zwischen zwei Wohnungen zu pendeln – nicht die Kinder. „Aber die meisten Eltern muten es den Kindern zu.“

Kaum Untersuchungen zu langfristigen Folgen

In einer britischen Studie wurden vor drei Jahren 398 junge Menschen in ihren 20ern gefragt, wie sie retrospektiv die Trennung ihrer Eltern und vor allem die Umgangsregelung beurteilen. Ihrer Meinung nach sollte das Wechselmodell nicht der Regelfall sein. Als häufigstes Gegenargument wurde vorgebracht, dass Kinder in ihrem Leben Kontinuität, Routine und Stabilität, ein „permanentes Zuhause“ benötigen – zwei Zuhause wären destabilisierend. Das Wechselmodell hingegen entspreche einer „Aufteilung“ des Kindes zwischen den Eltern.

Alarmierend ist, dass es kaum Untersuchungen gibt, die die Auswirkungen auf die Kinder zeigen, die über Jahre pendeln. „Über Langzeit-Auswirkungen ist kaum etwas bekannt“, schreibt die Pädagogin Kerima Kostka in einem noch unveröffentlichten Manuskript für die Fachzeitschrift „Streit“ über die Frage, ob das Wechselmodell ein Leitmodell sein kann. Kostka ist Referentin bei der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen. Seit vielen Jahren forscht sie über Scheidungskinder. Ihr Artikel „Das Wechselmodell als Leitmodell? Umgang und Kindeswohl im Spiegel aktueller internationaler Forschung“ ist der erste, der internationale Forschungsergebnisse genau miteinander vergleicht.

Darin wird klar: Je jünger das Kind ist, desto stressvoller erlebt es wiederholte Trennungen. „Scheinbar unkomplizierte Kleinkinder, die den Wechsel ohne erkennbare Auffälligkeiten vollziehen, können unter Umständen auch unsicher-vermeidend gebunden sein oder eine Bindungsstörung aufweisen“, sagt Kostka.

Eltern sind mit dem Wechselmodell eher zufrieden als Kinder

Kerima Kostka
Pädagogin

Laut einer australischen Studie bekommen Kinder nach vier Jahren im Wechselmodell öfter Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration. Demnach waren Kinder unter zwei Jahren, die ein- oder mehrmals die Woche woanders übernachteten als bei dem hauptsächlich betreuenden Elternteil, reizbarer und suchten verstärkt die Nähe des Hauptbetreuungselternteils. Die Zwei- bis Dreijährigen zeigten mehr verzweifelte Verhaltensweisen – klammerten sich an die Eltern, weinten, sobald diese den Raum verließen. Bei Kindern unter vier Jahren zeigten sich „signifikante schädliche Auswirkungen im Bereich der emotionalen und verhaltensbezogenen Regulation“. Sie wurden schneller wütend und leichter reizbar. Konnten sich schlecht auf ein Spiel oder ein Buch konzentrieren. Manche bekamen Essstörungen, schlugen, bissen und traten öfter.

„Eltern sind mit dem Wechselmodell eher zufrieden als Kinder“, sagt Kostka. Oft seien die Kinder zögerlich, ihren Eltern zu sagen, dass sie unglücklich sind und sich eine andere Regelung wünschen, weil sie sich verantwortlich für das Glück ihrer Eltern fühlen und das Gefühl haben, sich „aufteilen“ zu müssen.

Man müsse aufpassen, dass man die Bedürfnisse der Eltern nicht mit denen des Kindes verwechsele. Vielleicht ist es Mutter und Vater angenehm, ein solches Modell zu leben. Beide haben Familienleben und intensiven Kontakt zum Kind, beide haben Freizeit und die Möglichkeit, eine neue Partnerschaft zu leben, keiner muss dem anderen Unterhalt zahlen. Aber was macht es mit dem Kind, das ständig seinen Lebensmittelpunkt wechseln muss?

Kostkas Resümee: Kinder und ihre Familien müssten gerade in der ohnehin schwierigen Situation der Trennung als „Versuchskaninchen“ für das allerneuste „Allheilmittel“ auf dem Markt herhalten. „Das Wechselmodell wird überbewertet“, sagt auch Familienrichter Schürmann. „Es ist nur für einen sehr kleinen Personenkreis überhaupt anwendbar und aus Sicht der Kinder sowieso nur für eine begrenzte Zeit möglich.“ Wenn getrennte Eltern in einem Haus wohnten und das Kind nur einmal über den Flur zu laufen brauche, sagt Schürmann, dann könne so ein Modell sinnvoll sein.“

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