Carola Fuchs: Wechselmodell als Gerichtsbeschluss – ein Paradoxon

gefunden hier:
http://www.carola-fuchs.de/wechselmodell-per-gerichtsbeschluss-ein-paradoxon/#comment-87

„Das Pferd von hinten aufzäumen, ist ein sehr schönes geflügeltes Wort.
Damit kann man elegant ausdrücken, dass an eine Sache völlig falsch herangegangen wird und die Erfolgsprognosen daher mau sind.

Auf Biegen und Brechen fordern Väterverbände, das Wechselmodell als Standardbetreuung der Kinder im Trennungsfall einzuführen und nähern sich damit dem Pferd recht ungeschickt von hinten.

Ich finde, es lohnt sich, im Vorfeld ein paar wichtige Fragen zu stellen, damit das „Pferd“ nicht ausschlägt.

Welche Aufteilung hatten die Eltern in guten Zeiten?

War der Mann der Hauptverdiener während die Frau der Familie zuliebe auf ihre Karriere verzichtete und deswegen mit einem Teilzeitjob vorliebnahm?

Wenn sich beide in guten Zeiten für dieses Modell entschieden haben, warum soll es dann in schlechten Zeit auf einmal falsch für die Kinder sein?
Auch den Preis für die Schmalspurkariere der Frau müssen beide bezahlen. Nach der Trennung die lange Nase zu drehen und auf Kindergartenniveau zu rufen „Ällerbätsch! Selber schuld, dass du dein Medizinstudium an den Nagel gehängt und dafür unsere zwei Kinder groß gezogen und meine alte Mutter gepflegt hast. Hättest du mal vorher drüber nachdenken sollen!“, ist ein Armutszeugnis für denjenigen, dem der Rücken freigehalten und das volle Portmonee ermöglicht wurde.

Womit wir bei der Frage wären:

Will wirklich die Mehrzahl der Männer das Wechselmodell?

Ganz ehrlich, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen!

Die Männer, die ich kenne, bestätigen die offiziellen Statistiken. Die allermeisten sind die Hauptverdiener in der Familie. Das Schöne ist, und darin unterscheiden sie sich von den Vätern früherer Generationen, nach Feierabend nehmen sie aktiver und mit wachsender Begeisterung am Familienleben teil.

Am Montagmorgen jedoch, nach einem Familienwochenende, welches in der Regel nicht der Rama-Werbung entsprungen ist, sondern Trotzanfälle und Geschwisterreibereien auch für Anstrengung gesorgt haben, danken sie allesamt Gott auf Knien, dass sie wieder in die Arbeit gehen und der Frau die zwei Kleinkinder überlassen dürfen.
Die Vorstellung, wochenweise die Kinderbetreuung zu übernehmen löst bei ihnen Schnappatmung aus.

Nebenbei bemerkt, werden bei der Vorstellung noch andere Menschen nervös:

Was sagen eigentlich die Arbeitgeber zu der möglichen Flut an Teilzeit-Männern?

Ganz abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Männer ganz bestimmt nicht in Teilzeit arbeiten möchte, schreien auch die Arbeitgeber nicht annähernd so laut Hurra, wie die Väterverbände nach dem Wechselmodell rufen. Das liegt möglicherweise daran, dass auf dem Arbeitsmarkt noch nicht einmal ansatzweise die Bedingungen dafür geschaffen sind, dass eine Vielzahl der Männer in Teilzeit arbeiten könnte. Wie soll das auch gehen, frage ich mich, wenn Frauen genau aus diesem Grunde bisher die mittlere und höhere Führungsebene verwehrt blieb. Denn angeblich sind diese Positionen nicht mit einer halben oder zweidrittel Stelle vereinbar.
Sind die gut bezahlten und interessanten Jobs nun in Teilzeit zu bewältigen, oder nicht? Wenn ja – wovon ich übrigens ausgehe – sollten erstmal im Zuge der angestrebten Gleichberechtigung die Frauen in den Genuss kommen, trotz Familie in einer attraktiveren Stelle arbeiten zu können, als mit einer Stelle im Niedriglohnbereich vorlieb nehmen zu müssen.
Das würde ganz nebenbei bemerkt auch mehr bringen als eine Quote auf Vorstandsebene.

„Halt!“, ruft jetzt vielleicht der ein oder andere Vorreiter des Wechselmodells. „Von einer Teilzeitstelle war gar nicht die Rede! Ich hab doch meine Mutter!“

Damit sind wir bei der nicht unerheblichen Frage:


Verbringen Kinder im Wechselmodell tatsächlich mehr Zeit mit dem Vater?

Wenn die Kinder nachmittags bei der Oma geparkt werden, ist DAS Argument für die Einführung des Wechselmodells ad absurdum geführt.
Oder geht es etwa gar nicht darum, dass es für die Kinder so wichtig wäre, die Hälfte der Zeit beim Vater zu verbringen, sondern vielmehr darum, der Ex-Frau eins auszuwischen?

Das ist zumindest laut Brigitte Schwoerer, Richterin in Paris, ein Motivationsgrund für das Wechselmodell: „Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass wir feststellen mussten, dass die Forderungen eines Vaters nach einer abwechselnden Unterbringung, oder auch nach der alleinigen Unterbringung des Kindes, bei ihm, dem Vater, was es ja auch gibt, aus dem Wunsch heraus geboren wurde, die Ehefrau oder die Partnerin weiterhin in gewisser Weise terrorisieren zu können. Die Angst, mit der früher geherrscht wurde, wird also kultiviert. Nach dem Motto: Ich werde das Kind schon kriegen. Du nicht! Du wolltest unser gemeinsames Leben ja beenden. Das hast du dir selbst eingebrockt.“

Wenn die eigene Mutter aus diversen Gründen nicht für die Nachmittagsbetreuung in Frage kommt, gäbe es noch die Variante die neue Partnerin dafür zu gewinnen. Sofern man eine hat …

Wie wirkt sich das Wechselmodell auf eine mögliche neue Beziehung aus?

Hui, jetzt wird es spannend. Welche Frau kommt dann überhaupt als neue Partnerin in Frage? Die erste Wahl wäre vielleicht eine Frau ohne „Altlasten“, die sich mit Freude auf die hälftige Betreuung stürzt, damit man selbst dem Job ohne Einschränkungen nachgehen kann.

Diese Konstellation halte ich nicht für unmöglich, aber mit der Wahrscheinlichkeit auf einen Sechser im Lotto vergleichbar. Es sei denn, die neue Flamme würde die Betreuung der Kinder mit der sofortigen Anschaffung von eigenem Nachwuchs kombinieren. Aber auch das sollte gut überlegt und nicht überstürzt sein. Nicht, dass Mann vom Regen in die Traufe kommt.

Hat die Frau schon eigene Kinder, so sollten diese idealerweise ungefähr im gleichen Alter wie die eigenen sein und sich untereinander prächtig verstehen.

Tja, man kann ja mal träumen.

Die bisherigen Fragen hatten mit den Kindern noch herzlich wenig zu tun. Daher ist es höchste Zeit für die entscheidende Frage.

Fühlen sich Kinder im Wechselmodell wohler als im herkömmlichen Residenzmodell?

Und damit lande ich wieder einmal bei dem berühmten gesunden Menschenverstand, der scheinbar leicht verloren geht, wenn Unterhalt bezahlt werden soll.

Wie kann man Kindern allen Ernstes zumuten wollen, dass sie alle paar Tage ihre Koffer packen und das „Zuhause“ wechseln müssen? Welcher Erwachsene würde das wollen?
Richtig. Niemand. Deshalb ist für die Väterverbände das Nestmodell auch nicht en vogue, denn dann wären sie es, die ständig umziehen müssten.

Dr. Lothar Unzner schreibt dazu: „Kinder brauchen die Lebensform, die sozial, zeitlich und örtlich möglichst große Stabilität gewährleistet. Je jünger das Kind ist, desto stressvoller erlebt es wiederholte Trennungen und Wechsel der Betreuungspersonen; es braucht ein eindeutiges Zuhause.“ (1)

Gott sei Dank ist der gesunde Menschenverstand aber nur vereinzelt abhandengekommen. Sehr beruhigt zitiere ich daher aus der Pressemitteilung zum Fachtag des VAMV Stuttgart am 12.10.2015 „Eine Woche Mama – eine Woche Papa!“ – Ein neuer Weg zum Wohle des Kindes nach einer Trennung?:

Prof. Dr. Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut München stellt fest: „Konflikte sind Gift im Leben der Kinder. …. Was vor der Trennung nicht möglich war, funktioniert auch danach nicht. Und die Qualität der Beziehung zum Kind resultiert nicht aus der Häufigkeit der Kontakte.“

Ulrich Witzlinger, Familienrichter beim Amtsgericht Waiblingen gibt dem Wechselmodell eine Chance, wenn gegenseitiges Vertrauen zwischen Mutter, Vater und Kind vorhanden ist. Das jedoch könnte ein Familiengericht nicht anordnen, denn „…kommt ein Wechselmodell zum Familienrichter, ist es wahrscheinlich schon gescheitert“.

Auch den Stuttgarter Nachrichten war der Fachtag am 13.10 2015 eine Meldung wert: „Nach Erfahrungen von Ulrich Witzlinger funktioniert das Modell auch dann nicht, wenn es ein Elternteil als Mittel zum Zweck benutzt: um sich Zugang zum Ex-Partner zu verschaffen, der ihm ansonsten verwehrt wäre, um den anderen zu disziplinieren oder gar um Unterhaltszahlungen zu vermeiden, sagt der Waiblinger Familienrichter. ‚Das Wechselmodell setzt großes gegenseitiges Vertrauen voraus. Das kann ich als Richter nicht erzwingen.‘
Familienrichter Witzlinger rät zu einer Lösung, die sich am Kind orientiert. ‚Das kann mit einem Residenzmodell anfangen und stufenweise in ein Wechselmodell übergehen.‘ Er wart aber auch davor, dass den Kindern viel abverlangt wird: ‚Sie müssen an zwei Stellen Wurzeln bilden und später von zwei Startplätzen abheben. Und wenn sich ein Kind nicht traut, zu sagen, dass es gern einen Schwerpunkt hätte, zieht es eventuell früher als gut aus.‘“

Es ist gut zu wissen, dass an entscheidenden Stellen trotz der vehementen Forderungen von Väterverbänden nach einem “Wechselmodell per Gerichtsbeschluss” das Paradoxon erkannt bleibt.

(1) Dr. Lothar Unzner, Erding: Bindungstheorie und Wechselmodell, FPR 2006, S.275″

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2 Gedanken zu “Carola Fuchs: Wechselmodell als Gerichtsbeschluss – ein Paradoxon

  1. Die meiste Männer haben mit ein Jahr ein neue Partner, und meinen kindesunterhalt macht die ex Frau reicher. Es ist bekannt viele Männer versuchen deswegen alles, damit sie nichts bezahlen. In deutscher recht Heisst es, Kindern haben recht auf alles. Aber im Grunde bekommt Papa meistens alles. Mutters akzeptieren, sie sind einfach eingeschüchtert durch jugendamt und gericht. Und müde von alle bälle im luft halten.

  2. Ich habe mich in einigen Wechselmodellforen umgehört und folgende Entdeckung gemacht: Die Mehrzahl der Väter, die das Wechselmodell als Standardlösung fordern, ist nicht bereit, diese Lösung an das Kontinuitätsprinzip zu koppeln, d.h. unabhängig von der Rollenverteilung in der Ehe/Beziehung soll das Wechselmodell als Standardlösung eingeführt werden.
    Die Demagogie in der Argumentation der Väter, auf die in letzter Zeit alle (wirklich ALLE!) hereinfallen:
    Das Familienrecht würde die Väter benachteiligen (so z.B. im Antrag der SPD Meißen an die Bundespartei).
    Das Familienrecht ist jedoch de facto gar nicht nicht pro Mutter, sondern am Kontinuitätsprinzip orientiert, d.h., ein Vater, der sich liebevoll um die Kinder kümmert und zu Hause bleibt, um die Betreuung zu gewährleisten, würde im Streitfall auch den Lebensmittelpunkt der Kinder bei sich begründen können. Dass in Deutschland so viele Trennungskinder bei der Mutter leben, liegt NICHT an einem „ungerechten Familienrechtssystem“, sondern am Kontinuitätsprinzip, also schlicht und einfach daran, dass die überwiegende Mehrzahl der Väter keine Lust hat, sich um Babys oder Kleinkinder zu kümmern oder für diese auf Geld, Status oder Karriere zu verzichten.
    Und nun wird es richtig verrückt: Eben diese Mehrzahl der Väter fordert nun ein Wechselmodell als Standardlösung NACH DER TRENNUNG, völlig losgelöst von den Betreuungsverhältnissen VOR der Trennung. Das bedeutet: Die Mütter sollen die Kinder gebären und großziehen, gegebenenfalls ihre Ausbildung abbrechen, auf eine gute Anstellung verzichten, während die Väter nicht anwesend sind, und wenn die Kinder dann in einer Einrichtung untergebracht werden können, soll plötzlich die Gleichberechtigung der Väter oberstes Prinzip werden! Dies wird untermauert mit der These: „Kinder brauchen beide Eltern zu gleiche Teilen“ – nur eben VOR der Trennung nicht, aber DANACH um so mehr!
    Ich habe nichts gegen ein Wechselmodell, wenn beide Eltern arbeiten gehen, genug Geld verdienen und die Kinder an die Betreuung durch beide Eltern gewöhnt sind – diesen Kindern sollte man auf keinen Fall ein Elternteil vorenthalten, zu dem eine enge Bindung besteht.
    Aber warum sieht keiner, worum es hier tatsächlich geht? Warum erkennt niemand, dass hier das Kontinuitätsprinzip ausgehebelt werden soll, damit Väter rechtlich besser gestellt werden, als Mütter (Frauen können sich kurz nach einer Geburt meist wesentlich weniger gut wehren, als Männer)?
    Wenn das „gleiche Recht am Kind“ zum obersten Prinzip in Deutschland wird, dann sind Mütter nicht mehr geschützt, die ihr Kind stillen möchten, eine Risikoschwangerschaft haben, eine schwere Entbindung verarbeiten müssen oder noch keinen festen Job haben. Sie verlieren in der Zeit nach der Geburt ihre Rechtssicherheit, sie können dann z.B. dazu gezwungen werden, ihr Baby abzustillen und es im Wechselmodell mit einem Mann zu erziehen, zu dem gar keine Beziehung bestand. Unter Umständen sind sie nie wieder dazu in der Lage, den Wohnort zu wechseln oder einen Job zu bekommen.
    Sollten solche Gesetze in Deutschland zur Realität werden, ist es in Deutschland für eine Frau nicht mehr ratsam, Kinder zu bekommen, so lange man keine vollendete Karriere hingelegt und sich abgesichert hat.

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