Öffentlicher Brief einer Mutter zum Wechselmodell

In den letzten Jahren haben Umgangs- und Sorgerechtsstreitigkeiten beinahe um 50 % zugenommen. In der Öffentlichkeit wird argumentiert, dass der Anstieg auf eine Ungerechtigkeit im Familienrechtssystem zurückzuführen sei. Um einen weiteren Anstieg zu verhindern, seien neue gesetzliche Regelungen nötig. Kinder hätten nach der Trennung ein Recht auf beide Eltern und auf gleichmäßige Betreuung im Wechselmodell. Mittlerweile ist diese Sichtweise auch in einigen Parteien hoffähig geworden, unter anderem in der FDP, bei der ein Antrag auf Einführung des Wechselmodells als Regelfall für den Bundesparteitag vorliegt.

Schaut man einmal hinter die Kulissen und lässt populistische Argumentationsstrategien außen vor, ergibt sich ein völlig anderes Bild:

Sorgerechts- oder Umgangsstreitigkeiten entwickeln sich immer dann besonders eskalierend, wenn Elternteile, die NICHT dazu bereit waren, sich um ihre Kinder zu kümmern, beginnen, zu einem späteren Zeitpunkt ihr Recht am Kind einzuklagen. Die Folge dieser Klagen ist, dass sich Elternteile, die die Hauptverantwortung für die Kinder über lange Zeit allein getragen haben, dagegen wehren, dass gut funktionierende Bindungs- und Alltagsstrukturen zerstört werden, deren Existenz allein darauf zurückzuführen ist, dass einige Eltern nicht dazu bereit waren, Verantwortung für die Betreuung gemeinsamer Kinder zu übernehmen.
Die derzeitige Familienrechtssprechung unterstützt diese Eskalation, indem verantwortungslose Eltern durch richterliche Entscheidungen belohnt werden.
Immer mehr betreuende Elternteile werden mit Anträgen eines über Jahre abwesenden Elternteils konfrontiert. Immer mehr Elternteile, die nicht dazu bereit waren, berufliche Einbußen hinzunehmen, um gemeinsame Kinder zu betreuen, beharren nach einer Trennung auf Einführung des Wechselmodells.

Sollte sich die Lobby dieser verantwortungslosen Eltern durchsetzen, und das Wechselmodell als Regelfall ohne Beachtung des Kontinuitätsgedankens tatsächlich gesetzlich festgelegt werden, hätte dies gesellschafts- und rechtspolitisch schwere Auswirkungen:

1. Das Recht des Kindes auf Betreuung durch beide Eltern wird konterkariert, da es erst dann einsetzt, wenn der vormals nicht betreuende Elternteil dies will. Das Recht des Kindes auf beide Eltern ist de facto abhängig von der Lust und Laune des Elternteils, der sich nicht von Anfang an paritätisch an der Sorgearbeit beteiligt.

2. Fordert man das Wechselmodell mit der Begründung, dass Kinder angeblich beide Eltern gleichermaßen brauchen, um sich gesund entwickeln zu können, sind Kinder von zusammenlebenden Eltern mit ungleicher Rollenverteilung, Kinder von gleichgeschlechtlichen Eltern und Kinder in Adoptionsfamilien rechtlich mit Kindern aus Trennungsfamilien nicht mehr gleichgestellt. Sie haben im Gegensatz zu diesen kein Recht auf paritätische Betreuung durch beide Elternteile.

3. Derjenige Elternteil, der für das Kind Verantwortung in Form von Sorgearbeit trägt, ist rechtlich mit dem anderen Elternteil nicht gleichgestellt. Er hat die Verantwortung für die Lebensentscheidungen des anderen Elternteils zu tragen, indem er über Jahre dazu gezwungen wird, seinen Lebensentwurf den Wünschen und Bedürfnissen desjenigen Elternteils anzupassen, der über lange Zeiträume nicht dazu bereit war, Verantwortung zu übernehmen.

Längerfristige Folgen solcher gesetzlicher Regelungen:

1. Eltern, insbesondere Mütter, können es sich nicht mehr leisten, ihr Kind selbst zu erziehen. Die Wahlmöglichkeit, sein Kind zu Hause zu betreuen , wird quasi abgeschafft. Dies ist ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von Eltern.

2. Das Wechselmodell als Regelfall unterstützt Verantwortungslosigkeit, da es Eltern, die in den ersten Jahren keine Sorgearbeit leisten möchten, dazu ermutigt, sich zu trennen. In Ländern, in denen das Wechselmodell als Regelfall bereits gesetzlich festgeschrieben ist, sind bekanntermaßen die Trennungszahlen am höchsten.

3. Die zeitaufwändige Betreuung von behinderten oder kranken Kindern wird zu einem Existenzrisiko für Eltern, die die Verantwortung für diese Kinder übernehmen, indem sie Sorgearbeit leisten. Folge davon können vermehrte Abtreibungen von Kindern sein, die durch körperliche Gebrechen nicht so funktionieren, dass eine Fortführung der Erwerbstätigkeit ohne Einschränkungen möglich ist.

4. Familie wird zum unkalkulierbaren Risiko für Frauen. Ungewollte Schwangerschaften, Geburtskomplikationen, längerer Verdienstausfall durch schwangerschaftsbedingte Erkrankungen, Schwangerschaften in Ausbildungszeiten, berufliche Einbußen etc. werden von der Gesellschaft nicht mehr aufgefangen. Mütter sind ganz auf sich allein gestellt, Väter werden völlig aus der Verantwortung entlassen.

5. Gerechtigkeit wird nur in Bezug auf die Situation der Eltern definiert. Die Kinder, als dritte und am meisten betroffene Partei einer Trennungsfamilie, werden komplett ausgeklammert. Wirklich gerecht würde ein Wechselmodell als Regelfall demnach erst dann sein, wenn auch das paritätische Wechseln des Wohnsitzes durch die Eltern zum Regelfall gemacht würde.

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Ein Gedanke zu “Öffentlicher Brief einer Mutter zum Wechselmodell

  1. Hmm, spontan fällt mir dazu ein……Niemand, wirklich niemand käme auf die Idee z.B. in Familien ein zu greifen, wo beide Elternteile zusammen leben und würde eine Kindeswohlgefährdungsanzeige starten, weil sich das eine Elternteil nicht genau so um die Kinder kümmert, wie der andere! — Wo sind denn hier die Rechtsmittel das auch genau so durch zu drücken? Hier geht`s um Persönlichkeitsentwicklungsstörung, lach. Oder ist das nur ein Modewort?……. Schade, dass das etwas anderes ist! —— ich höre immer nur Rechte der Eltern (meist von Vätern) auf das Kind. Sollen Kinder sich teilen? —— Hallo, es geht nicht um gerechte Aufteilung von Kindern, es geht um die Kinder selbst, um deren Wohl und nicht um das von Vätern, denen es leider meist darum geht der Frau eins aus zu wischen. Genau davon, bekommen Kinder Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, wenn sie gezwungen werden etwas zu leben was ihnen nicht gut tut!

    Bin gespannt auf unsere neue Gesellschaft von morgen.

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