Offener Brief zur Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ und Wechselmodell an die SPD Fraktion

Evi Lamert
Mütterinitiative
Baaderstr. 30
80469 München

SPD – Bundestagfraktion
Platz der Republik 1
11011 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

Von Herrn Sönke Rix, dem Sprecher der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend, habe ich die Nachricht erhalten, dass in der SPD – Bundestagsfraktion Konsens über die Frage besteht, dass das Kindeswohl bei Entscheidungen über neue familienrechtliche Regelungen Vorrang haben soll.

Ergänzend und Bezug nehmend auf das Schreiben von Herrn Rix möchte ich mich mit folgenden Fragen an Sie wenden:

1. Welche Position bezieht Ihre Fraktion gegenüber der Frage, ob wichtige Kooperationspartner bestimmter Lobbygruppen mit der Erforschung der psychischen und physischen Gesundheit von Kindern beauftragt werden sollten?

Im Jahr 2012 gründete der Väteraufbruch die „Projektgruppe Paritätische Doppelresidenz“. Deren wichtigste Kooperationspartnerin wurde Frau Prof. Hildegund Sünderhauf. Während ihrer Zusammenarbeit mit dem Väteraufbruch stellte sie ihr Buch „Wechselmodell – Psychologie – Recht – Praxis“ fertig und veröffentlichte es im August 2013. Frau Sünderhauf arbeitet seitdem auch weiterhin intensiv mit dem Väteraufbruch zusammen und unterstützt diesen bei der Durchsetzung seiner politischen Ziele durch zahlreiche Vorträge und Diskussionsrunden. (http://baden-wuerttemberg.vafk-sbh.de/VE_2013-1.pdf)
Aus der Projektgruppe „Paritätische Doppelresidenz“ des Väteraufbruchs entwickelte sich der „Internationale Rat der Paritätischen Doppelresidenz“ (ICSP), dessen Mitglieder/Vorstände teilweise in Personalunion mit dem Bundesvorstand des Väteraufbruchs arbeiten (Angela Hoffmeyer, Torsten Fabricius).
Das BMFSFJ hat den „Internationalen Rat für die Paritätische Doppelresidenz“ bereits mit Fördermitteln unterstützt.
Der ICSP trifft sich regelmäßig mit Mitgliedern des Europarates. Folge dieser engen Zusammenarbeit ist die nach einem Hearing mit Frau Prof. Sünderhauf beschlossene Resolution 2079, deren Umsetzung laut Bundesministerium in einem Brief an zwei Mitglieder des Väteraufbruchs bzw. der Gruppe „Väter ohne Rechte“ durch die Befragung Umgang und Kindeswohl geprüft werden soll. Das letzte Treffen zwischen ICSP und Mitgliedern des Europarates fand vor wenigen Tagen in Straßburg statt. Auf dem Treffen wurde darüber gesprochen, wie auf den Gesetzgeber eingewirkt kann, damit die Paritätische Doppelresidenz als Regelfall gesetzlich festgeschrieben wird. (http://twohomes.org/article95-Verbreitung-der-Doppelresiden…?) Entsteht durch die Europaratsresolution 2079 Druck auf den Gesetzgeber?

Frau Prof. Sünderhauf ist laut BMFSFJ in den wissenschaftlichen Beirat der Befragung Kindeswohl und Umgangsrecht berufen worden.

Sollte es nicht so sein, dass Forschungen über die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern in verschiedenen Wohnformen nach Trennung und Scheidung von Wissenschaftlern gemacht werden, die einzig im Interesse der Kinder forschen, und die nicht gleichzeitig das Ziel verfolgen, die Durchsetzung bestimmter politischer Ziele im Elternrecht wissenschaftlich zu legitimieren? Wie steht Ihre Fraktion zu dieser Frage?

2. Warum ist es dem BMFSFJ trotz mehrfacher Nachfrage nicht möglich, für die Teilnehmer der Studie Transparenz über die Frage herzustellen, welches konkrete politische Ziel die Studie verfolgt, und ob dieses Ziel mit der Europaratsresolution 2079 in Zusammenhang steht? Immerhin geben die Teilnehmer der Studie überaus sensible persönliche Daten preis, die häufig mit Erinnerungen an im Familiengericht erlebte Traumata verbunden sind.

3. Warum ist es dem BMFSFJ nicht möglich, zu veröffentlichen, welche Wissenschaftler im wissenschaftlichen Beirat tätig sind? In einem Schreiben von Herrn Sönke Rix wurde angedeutet, dass Ihre Fraktion Kenntnisse über die personelle Zusammensetzung der ExpertInnengruppe hat, die das Forschungsdesign entwickelt hat. Ist diese ExpertInnengruppe identisch mit dem Wissenschaftlichen Beirat? Sollte wirklich eine neutrale und einzig am Kindeswohl (und nicht an Elterninteressen) orientierte Forschung beabsichtigt sein, müsste Transparenz in personellen Fragen eigentlich problemlos möglich sein. Warum ist diese Transparenz anscheinend nicht möglich? Wie steht Ihre Fraktion dazu?
Transparenz in personellen Fragen ist deshalb wichtig, weil vorrangig an Elternrechten orientierte WissenschaftlerInnen wahrscheinlich andere Fragen stellen, andere Studienteilnehmer auswählen und ihren Fokus anders setzen, als vorrangig an Kinderrechten orientierte WissenschaftlerInnen.

Ein Beispiel:

Im 1. Quartal 2016 haben ca. 7 Mal so viele Frauen wie Männer Elterngeld bezogen. Ein Wechselmodell wäre also in 7 von 8 dieser Familien mit einer besonders großen Umstellung für die Kinder und mit einem Bindungsverlust zum hauptbetreuenden Elternteil verbunden. Frau Prof. Sünderhauf engagiert sich trotz dieser Zahlen im Rahmen des ICSP und beim Europarat für ein Wechselmodell als Regelfall. Man müsste, um in der Studie zutreffende Aussagen über die Wirkung eines Wechselmodells nach ungleicher Rollenverteilung auf das kindliche Wohlbefinden treffen zu können, besonders viele Familien interviewen, die ein Wechselmodell nach ungleicher Rollenverteilung leben, um die Wirklichkeit überhaupt abbilden zu können. Werden die Auswirkungen eines Wechselmodells nach ungleicher Rollenverteilung im Rahmen der Studie überhaupt untersucht?

In den wissenschaftlichen Publikationen von Frau Prof. Sünderhauf finden Familien keinerlei Beachtung, deren Kinder unter einem Wechselmodell vermutlich gesundheitlich schwerwiegende Folgen davontragen könnten, u.a.:
• sehr kleine Kinder, die aufgrund der Schwangerschaft oder der Stillzeit eine besonderes enge Bindung zur Mutter haben
• Kinder, die nur eine Bindung zu einem Elterteil haben, weil der andere Elterteil nicht oder kaum anwesend ist/war
• Kinder aus kinderreichen Familien, die unter dem Wechselstress besonders leiden, besonders dann, wenn die Kinder wegen des Altersabstandes in verschiedenen Abständen wechseln
• Kinder mit besonderem Förderbedarf oder mit psychischen oder physischen Einschränkungen; besonders Kinder mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen und Kinder mit Autismus
• Kinder aus Mehrfachfamilien, die Bindungen zu Halb- und Stiefgeschwistern haben
• Kinder von Eltern, die ihre Interessen über die der Kinder stellen und das Wechselmodell als Kontrolle leben
• Kinder, die nicht äußern können, dass sie das Wechseln nicht aushalten können, weil sie Schuldgefühle haben und Gerechtigkeit zwischen den Eltern herstellen wollen
• Kinder von Einverdienerfamilien, die an die Betreuung einer festen Bezugsperson gewöhnt sind, und die wegen der Finanzierungsschwierigkeiten durch ein Wechselmodell in die Fremdbetreuung abgeschoben werden müssen

Nimmt man diese Familien aus der Forschung über das Wechselmodell heraus, kommt man zu Ergebnissen bzw. Gesetzesinitiativen, die zwar vielleicht Elterninteressen legitimieren, jedoch nicht vorrangig das Wohl von Kindern im Auge haben.

4. Das Forschungsdesign sieht vor, dass derjenige Elterteil, der sich an der Studie beteiligen möchte, ohne Wissen des anderen Elterteils eine Schweigepflichtsentbindung unterschreiben kann, so dass die Wissenschaftler Zugriff auf Jugendamts- und Gerichtsakten bekommen. Ist dies rechtlich überhaupt zulässig? Oder werden hier in eklatanter Weise die Persönlichkeitsrechte des anderen (z.T. mitsorgeberechtigten) Elternteils verletzt, der nichts von der Einverständniserklärung weiß, in dessen Akten jedoch Einsicht genommen wurde bzw. wird? Wird das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung hier noch gewahrt?

Nicht nur im Hinblick auf die Intransparenz in der Fragestellung und die mögliche Vergabe von Forschungsaufträgen an lobbygebundene WissenschaftlerInnen, sondern auch hinsichtlich der Verletzung des Datenschutzes muss die Studie sofort gestoppt werden!

Nur durch eine generelle Neukonzeption der Studie liegt nach meinem Dafürhalten der Fokus der Forschung wirklich auf dem Wohl der Kinder und nicht auf der wissenschaftlichen Legitimation von Elternrechten.

Mit freundlichen Grüßen

Evi Lamert

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Ein Gedanke zu “Offener Brief zur Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ und Wechselmodell an die SPD Fraktion

  1. Wechselmodel- Zerrissenheit.
    Wer das betreibt…. frage ich mich, ob es tatsächlich um die Kinder geht… Wenn beide Partner sich einig sind und auf eine Augenhöhe sind… braucht man sowas nicht.

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