KiMiss-Studie der Uni Tübingen: Ausschließlich Väter im Blick ?

Die Universität Tübingen untersucht mit der KiMiss Studie „in welchem Ausmaß das Getrenntleben oder die Trennung von Eltern und Kindern zu einer Sorgerechtsproblematik, oder zu Problemen wie Eltern-Kind-Entfremdung oder Sorgerechtsmissbrauch führt“. Nach eigenen Angaben verfolgt die KiMiss-Studie langfristige Ziele: „gesellschaftliche und praktizierbare Definitionen für Begriffe wie Sorgerechtsmissbrauch, Kindesmissbrauch oder Kindesmisshandlung“.

Schon beim Lesen dieser einführenden Zeilen fällt die Wortneuschöpfung „Sorgerechtsmissbrauch“ auf.  Soll bereits hier etwas unterschwellig suggeriert werden ?

Wie sind die Schlagwörter „Kindesmissbrauch“ und „Kindesmisshandlung“ zu verstehen ? Im althergebrachten Sinn, oder aber im neu zu definierenden Sinn – nämlich gerichtet auf die bekannt böse und gemeine leibliche Mutter.

Nun finden wir unter der KiMiss-Liste den Hinweis „Die dem Projekt zugrunde liegende KiMiss-Liste entstammt größtenteils: Risk assessement […] Family Conflict Resolution Services, Canada […]“

Diese Organisation ist mit Väterrechtsverbänden eng vernetzt, u.a. auch mit fathers4justice.

Man darf also annehmen, dass die KiMiss-Liste in Zusammenarbeit mit Väterrechtsverbänden entstanden ist. Somit ist wohl schon der vermeintliche Unterton der ersten erklärenden Sätze zur Studie erklärbar.

Wir Mütter haben uns dennoch an der Umfrage beteiligt und waren verwundert, nein mehr noch – waren geschockt.

Hier unsere Beobachtungen:

1. Die Studie erfasst nur die Sichtweise des nicht hauptsächlich betreuenden Elternteils (also zumeist des Vaters), ohne nach den Ursachen zu fragen, weshalb es eventuell zu Kontakteinschränkungen kommt. Laut BMFSFJ ist jede dritte Frau in Deutschland von Gewalt betroffen, und nach einer Trennung ist daher das Bedürfnis der hauptsächlich betreuenden Elternteile, ihre Kinder zu schützen, besonders groß. Durch das Design der Umfrage, die nur die Sichtweise des nicht hauptsächlich betreuenden Elternteils wiedergibt, werden Elternteile, die nach Gewaltvorfällen ihr Kind schützen möchten, zu Auslösern von Kindeswohlgefährdung erklärt. Die Gewalt wird hingegen verschwiegen. Es findet gewissermaßen eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Wenn nach Beendigung die Studie die durch Weglassung entscheidender Kriterien entstandenen Zahlen veröffentlicht werden, kann dies betreuende, von Gewalt betroffene Mütter in ein schlechtes Licht rücken und eine Flut von Umgangsverfahren auslösen, die wiederum zur Belastung von Kindern durch familiengerichtliche Verfahren führen können. Ist diese Verzerrung von Daten und die Anheizung von Konflikten politisch beabsichtigt?

2. Die Studie setzt eine gleichberechtigte Elternschaft und die gleichmäßige Verteilung von Betreuungszeiten zwischen den Eltern mit Kindeswohl gleich, ohne zu differenzieren, dass dies eine Elternkategorie ist. Kinder haben individuell verschiedene Anpassungsmöglichkeiten. Beispielsweise für hochsensible Kinder, Kinder mit einer ADHS – oder Autismusproblematik kann die „gerechte Aufteilung von Betreuungszeit“ eine Überforderung darstellen. Gleiches gilt für Kinder mit einer durch die Betreuungssituation vor der Trennung bedingten sehr engen Bindung zu einer Bezugsperson (https://soc.kuleuven.be/…/6/…/Manuscript_final%20version.pdf). Die Fragen sind an dieser Stelle undifferenziert und verflacht und haben nicht die verschiedenen Bedürfnisse verschiedener Kinder und Familienkonstellationen im Blick. Durch das Design der Fragen wird ein Betreuungselternteil, der das Kindeswohl im Blick hat und deshalb für ein Zuhause und eine durchschaubare Alltagsstruktur, angepasst an die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten des Kindes, eintritt, ebenfalls zum Auslöser von Kindeswohlgefährdung erklärt.

3. Wie wird Verhalten festgehalten, das durch das Verhalten des anderen Elternteils überhaupt erst ausgelöst worden ist?

4. Wie kann in der Befragung Übertragung erkannt und ausgeschlossen werden (d.h. man würde aus einer narzisstischen Kränkung heraus selber gern entfremden, bringt aber unbewusst den anderen Elternteil dazu, genau das zu tun, um den Elternteil dann bekämpfen zu können?) Die Befragung impliziert auch hier eine Rollenumkehr.

5. Die Belastungen von Kindern durch auf einem Wechselmodell beharrende Elternteile wird nicht erfasst.

Für uns ergeben sich daraus viele Fragen.

Die Skalen müssten beispielsweise durch folgende Punkte ergänzt werden:

• Wie viel Prozent Kindeswohlschädigung treten auf, wenn ein Vater ein Kind manipuliert, indem er z.B. einem Kind mit Verweis auf die derzeitige Wechselmodellforschung sagt, dass Kinder gerecht zwischen den Eltern aufgeteilt werden müssten, und das Kind daraufhin über Jahre ein Liste darüber führt, wie viele Stunden und Tage jedes Geschwisterkind bei dem einen und bei dem anderen Elternteil ist, und das Kind infolge dessen schwer erkrankt und beinahe stirbt?

• Wie viel Prozent Kindeswohlschädigung treten auf, wenn ein Vater seinem Kind beibringt, dass das WM die beste Betreuungsform sei, das WM mit den beiden Kindern aus der zweiten Beziehung jedoch nicht hinbekommt, und das älteste Kind deshalb als Babysitter benötigt, um das WM sowohl mit dem ältesten als auch mit den beiden Jüngeren Kindern leben zu können, das älteste Kind daraufhin erkrankt?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn ein Elternteil mit Verweis auf die neueste wissenschaftliche Literatur über das Wechselmodell ein WM einklagt, nachdem er sich Jahre lang nicht um sein Kind gekümmert hat, und der andere Elternteil deshalb eine stationäre psychotherapeutische Behandlung wahrnehmen muss bzw. das Kind eine riesige Zahl von Befragungen und Sorgerechtsverfahren über sich ergehen lassen muss?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn ein Elternteil, der über Jahre voll gearbeitet hat, nach der Trennung plötzlich ein WM will und auf dem JA mit Verweis auf die Kimiss-Studie sagt: „Entweder WM, oder die Kinder haben keinen Vater mehr“?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn ein Elternteil seinem Kind erlaubt, nicht mehr zur Schule zu gehen, wenn es nicht mag, um im WM als besserer Elternteil dazustehen (das betreffende Kind hat bis heute keinen Schulabschluss machen können)?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn sich beide Eltern auf ein WM friedlich einigen, ein Elternteil aber mehrmals die Partnerin und die Wohnung wechselt, das Kind für alle, auch für den kleinen Bruder, die Verantwortung tragen muss und schließlich an Burnout erkrankt, so dass das Kind die Schule nicht beenden kann und das Gymnasium verlassen muss?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn ein Elternteil z.B. aus Angst, das Kind könne den anderen Elternteil evl. besser finden und nicht mehr wechseln wollen, einem Kind täglich genau das kauft, was auch immer es haben will?

• Wie viel Prozent Kindeswohlgefährdung treten auf, wenn ein Elternteil kein Interesse an seinen Kindern hat?

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Sie zeigt, dass Kindeswohlgefährdung in allen möglichen Betreuungskonstellationen auftreten kann und dass die Ursache sowohl bei einem hauptsächlichen Betreuungselternteil, als auch bei einem nicht hauptsächlich betreuenden Elternteil oder bei Eltern, die ihr Kind im Wechselmodell betreuen, liegen kann.

All diese Verhaltensweisen haben in den betreffenden Familien nachweislich zu schweren Erkrankungen der Kinder geführt, sind aber im Klassifikationssystem Ihrer Studie nicht enthalten.

Summa Summarum, erschließt sich nicht, wie wirksame Interventionsmöglichkeiten aus diesen Daten entwickelt werden können, wenn ein Elternteil komplett aus der Verantwortung entlassen wird.

Wie kann z.B. einem Kind geholfen werden, dessen nicht hauptsächlich betreuender Elternteil gewalttätig ist? In diesem Falle resultiert das Verhalten des hauptsächlich betreuenden Elternteils ja aus dem Verhalten des nicht hauptsächlich betreuenden und mehr Umgang begehrenden Elternteils.

Bei der Internetumfrage entstehen in diesem Fall falsche Daten, da nur das Opferempfinden des Befragten erfasst wird, nicht jedoch seine eigene Verantwortung für die Gesamtsituation.

Wirksame Interventionsmöglichkeiten sind so kaum möglich, vielmehr können dadurch sogar besonders schlimme Gefahrensituationen für Kinder entstehen.

Ein konkretes Beispiel:

Eine Gutachterin hat während einer lösungsorientierten Begutachtung einen ausgedehnten, unbegleiteten Umgang empfohlen mit der Begründung, der (mehrfach vorbestrafte) Vater wünsche viel Umgang, die Mutter wolle ihm diesen nicht gewähren, und deshalb würde hier Kindeswohlgefährdung vorliegen. Nach dem Urteil betreuten die Eltern ihre Kinder abwechselnd, bis der Vater in einem Wutanfall versuchte, sein Kind umzubringen. Wir verweisen auf die sich in letzter Zeit mehrenden erweiterten Suizide nicht hauptsächlich betreuender Elternteile.

Ein anderes Beispiel:

Ein nicht hauptsächlich betreuender Elternteil macht seinem Kind andauernd Vorwürfe und Schuldgefühle, so dass sich dieses Kind zurückzieht. Wie sollen in diesem Fall wirksame Interventionsmöglichkeiten gefunden werden, wenn dem nicht hauptsächlich betreuenden Elternteil die Verantwortung komplett abgesprochen bzw. diese gar nicht erst zum Thema gemacht wird?

Emil Fischer - Vorlesung Berlin

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